Sportartenprofil Snowboard Freestyle
Die Snowboard Freestyledisziplin Halfpipe ist den technisch-akrobatischen und den apparatetechnischen Sportarten zuzuordnen. Als apparatetechnische Sportart ist sie von der Beherrschung der spezifischen Technik und Koordination abhängig. Nur mit der entsprechenden Technik wird das Sportgerät optimal genutzt.
Eine Halfpipe ist eine Sportanlage in Form einer, in der Längsachse halbierten Röhre, die im Snowboarden aus Schnee und Eis besteht (Göhner, Held, Reil, Schamböck & Wesch, 2001). Im Vergleich zu Halfpipes für die Sommer Freestyledisziplinen (Skateboard, BMX usw.), sind die Snowboard Halfpipes abschüssig (15-20°) gebaut. So wird die Energie zum Erhalt des Tempos nicht nur durch Muskelkraft, sondern auch aus dem Gefälle der schiefen Ebene gewonnen. Diese Tatsache schränkt die Anzahl an Sprüngen pro Lauf ein. Ziel in der Disziplin Halfpipe ist es, schwierige Tricks, stylisch und mit großer Amplitude darzubieten. Diese werden subjektiv von Judges beurteilt. Aufgrund der hohen kreativen Komponente in der Disziplin Halfpipe, den unterschiedlichen Wettkampfstätten und der stetigen Weiterentwicklung von Tricks und deren Ausführung ist ein einheitliches, statisches Anforderungsprofil nicht zielführend. Deshalb müssen die Anforderungen regelmäßig untersucht, überprüft und angepasst werden.
Vorgegebene Anforderungen
Die vorgegebenen Faktoren bilden den Rahmen, in dem sich die Snowboard Freestyledisziplin Halfpipe bewegt. Neben der Conteststruktur und den Bewertungskriterien gibt der Wettkampfkalender den zeitlichen Ablauf vor.
Conteststruktur
Neben den Olympischen Spielen (OWG) gibt es bei der FIS, dem Dachverband und weltweit höchsten Organ für den internationalen Ski – und Snowboardsport, mehrere Kategorien an Contests.
An deren Spitze steht die alle 2 Jahre, jeweils in den ungeraden Jahren, stattfindende Weltmeisterschaft (WSC) gefolgt von dem Weltcup (WC), Europacup (EC) und FIS Cup.
Neben den FIS Contests gibt es invitational Contests (z.B. X-Games, Dew-Tour, Audi-Nines und viele mehr) die in der Freestyleszene große Anerkennung genießen.
Bewertungskriterien (FIS, 2016)
Die einzelnen Runs werden subjektiv von Judges anhand folgender Bewertungskriterien bewertet:
Amplitude
Schwierigkeit:
Anzahl an Rotationen
Switch Absprung oder Landung
Frontside oder Backside Rotation
Absprung von der Zehen- oder Fersenkante
Unterschiedliche Grabs, Boning und Tweaking
Blinde Landung
Kombination und Abfolge der Tricks
Unterschiedliche Rotationsachsen
Alley Oop
Ausführung
Variation (Straight Airs, Alley Oops, Air to Fakies und Rotation in unterschiedlichen Drehrichtungen)
Nutzen der gesamten Halfpipe
Progression
Risikobereitschaft
Kombinationen
Untersuchungen von Harding und James (2010) und Merz (2019a) zeigen, dass die Amplitude, Anzahl an Rotationen, Anzahl an Rotationsarten und Kombinationen einen statistischen Zusammenhang mit dem Score aufweisen.
Wettkampfkalender
Der Wettkampfkalender gibt den zeitlichen und geographischen Rahmen innerhalb der Wettkampfstruktur, von Junior FIS Wettkampf bis zu den OWG vor. Dieser wird für alle Wettkämpfe außer OWG jährlich im September erstellt. Der aktuelle Wettkampfkalender der FIS ist hier zu finden. Hinzu kommen invitational Contests
Disziplinspezifische Anforderungen
Technik
Als apparatetechnische Sportart ist die sportliche Leistung von der Beherrschung der spezifischen Technik abhängig. Dies umfasst vor allem die Board- bzw. Kantenkontrolle (Turnbull, Keogh & Kilding, 2011). Die richtige Position auf dem Brett hat eine hohe Relevanz um die Geschwindigkeit in der Pipe zu erhöhen (Turnbull et al., 2011). In den Freestyledisziplinen müssen die Fahrtechnik, sowie die Tricks auch switch beherrscht werden.
Kondition
Eine hohe exzentrische Kraft in den unteren Extremitäten ist für eine erfolgreiche Landung und somit auch zur Verletzungsprophylaxe notwendig (McNitt-Gray, Hester, Mathiyakom & Munkasy, 2001). In der Transition und beim Take-off wird eine posturale Kontrolle, isometrische- und konzentrische Kraft der unteren Extremitäten gefordert (Turnbull et al., 2011; Dann & Kelly, 2021). Eine Muskelsteifigkeit bei der Landung erfordert eine Aktivierung möglichst vieler Muskelfasern und motorischer Einheiten, was mit einer hohe Maximalkraft einhergeht (Turnbull et al., 2011). Dies hilft vor allem Verletzungsprophylaktisch bei tiefen Landungen. Zusätzlich sind elastische Gewebeeigenschaften in Hüft-, Knie- und Sprunggelenk (Muskel-Sehnen-Steifigkeit und intramuskuläre Koordination) wichtig (Dann & Kelly, 2021).
Neben den unteren Extremitäten ist eine hohen Kraft im Rumpf notwendig zur Impulsübertragung, um Rotationen einzuleiten, sowie zur Verletzungsprophylaxe bei verdrehter Landung (McNitt-Gray et al., 2001; Paasuke, Ereline & Gapeyeva, 2001). Eine Kraft in den oberen Extremitäten wird hauptsächlich benötigt um Stürze abzufangen (Turnbull et al., 2011).
Ein Halfpipe Run dauert ca. 30 Sekunden (Merz, 2019b, 2021). Dabei liegen die Herzfrequenz nach dem Run bei 85-95% der maximalen Herzfrequenz (Kipp, 1998; Merz, 2021). Bisher gibt es keine Evidenz, welche Energiebereitstellung zu einer verbesserten Snowboard Leistung führt (Dann & Kelly, 2021). Es gilt zu berücksichtigen, dass vermutlich nicht die Dauer eins Contestruns ausdauertechnisch limitierend ist, sondern das Realisieren von Trainingsumfängen von 3-5h in alpiner Umgebung (Kipp, 1998). Eine hohe Ermüdungsresistenz des Quadrizeps wird in der Literatur als wichtiger Faktor zur Bewältigung des Trainingsumfangs beschrieben (Falda-Buscaiot & Hintzy, 2015).
Koordination
Für eine hohe Punktzahl müssen Bewegungen flüssig und einfach aussehen (Turnbull et al., 2011).
Die hohe Beweglichkeit im Sprung-, Hüft- und Kniegelenk ermöglicht effektive Fahrtechniken. Eine hohe Beweglichkeit im gesamten Körper ist relevant, um Tricks, Grabs, Bones und Tweaks auszuführen (Turnbull et al., 2011). Eine hohe Beweglichkeit, speziell in der Lenden- und Brustwirbelsäule ist notwendig, um Rotationen während des Set-up Turns vorzubereiten (Turnbull et al., 2011). Hinzu kommt ein verletzungsprophylaktischer Vorteil durch eine grundsätzliche gut ausgeprägte Beweglichkeit (Bladin, McCrory & Pogorzelski, 2004).
Eine gute Propriozeption ist notwendig für die Boardkontrolle, die vor allem bei Landungen und für eine effektive Fahrtechnik benötigt wird. Hinzu kommt die Orientierung im Raum, die primär bei Rotationsbewegungen in der Luft notwendig ist (Turnbull et al., 2011).
Taktik
Im Halfpipe Contest zählt der beste Run. Deshalb ist es notwendig mit der Trick Auswahl zu taktieren. Hierfür ist eine gute Selbsteinschätzung hilfreich.
Psyche
Teil der Snowboardkultur ist es, dass Athlet*innen selbständig trainieren/lernen. Hierfür ist eine hohe Selbstreflektion, Selbstorganisation und ein hohes Maß an autonomer Motivation notwendig (Sommer, 2016).
Risikobereitschaft ist insbesondere beim Erlernen von neuen Tricks notwendig. Wettkämpfe und hohe technische Anforderungen sind emotional fordernd, sodass eine Periodisierung sinnvoll erscheint, um eine Überlastung zu vermeiden. Athlet*innen sollten unterstützt werden, ihre Selbstregulierung und mentale Stärke zu verbessern (Collins, Willmott & Collins, 2018).
Person
Anthropometrie: Weltklasse Freestyle Snowboarder wie Sebbe De Buck mit 1,94m und Ayumu Hirano 1,65m zeigen, das eine große Heterogenität in den anthropometrischen Daten der vorliegt. Grundsätzlich lässt sich annehmen, dass bei höherem Körpergewicht eine größere Belastung bei der Landung vorliegt (Turnbull et al., 2011) und eine große Körpergröße mit einem höherem Trägheitsmoment einhergeht. Bei einem hohen Trägheitsmoment ist ein größerer Drehimpuls im Absprung für eine identische Rotationsgeschwindigkeit in der Luft notwendig.
Literatur