Sportartenprofil Snowboard Freestyle
Die Snowboard Freestyledisziplinen Slopestyle und Big Air sind den technisch-akrobatischen und den apparatetechnischen Sportarten zuzuordnen. Als apparatetechnische Sportarten sind sie von der Beherrschung der spezifischen Technik und Koordination abhängig. Nur mit der entsprechenden Technik wird das Sportgerät optimal genutzt.
Im Slopestyle gilt es, in einem Kurs aus Kickern, Sidehits, Rails, Obstacles und ähnlichen Hindernissen schwierige Tricks, stylisch und mit großer Amplitude darzubieten. In der Disziplin Big Air wird ein Sprung über einen einzelnen Kicker ausgeführt (Merz, 2020). Aufgrund der hohen kreativen Komponente in den Disziplinen Slopestyle und Big Air, den unterschiedlichen Wettkampfstätten und der stetigen Weiterentwicklung von Tricks und deren Ausführung ist ein einheitliches, statisches Anforderungsprofil nicht zielführend. Deshalb müssen die Anforderungen regelmäßig untersucht, überprüft und angepasst werden.
Vorgegebene Anforderungen
Die vorgegebenen Faktoren bilden den Rahmen, in dem sich die Snowboard Freestyledisziplinen Slopestyle und Big Air bewegen. Neben der Conteststruktur und den Bewertungskriterien gibt der Wettkampfkalender den zeitlichen Ablauf vor.
Wettkampfstruktur
Neben den Olympischen Winterspielen (OWG) gibt es bei der FIS (Federation International de Ski e Snowboard), dem Dachverband und weltweit höchsten Organ für den internationalen Ski – und Snowboardsport mehrere Kategorien an Contests.
An deren Spitze steht die alle 2 Jahre, jeweils in den ungeraden Jahren, stattfindende Weltmeisterschaft (WSC) gefolgt von dem Weltcup (WC) und Europacup (EC).
Für Nachwuchsathlet*innen gibt es weitere, intenationale Wettkampfformate, die unter dem Dach der World Snowboard Federation (WSF) stattfinden und an den EC sowie WC heranführen, beispielhaft sind hier die World Rookie Tour-Stopps.
Neben den aufgeführten Contests gibt es Invitational Contests (z.B. X-Games, Dew-Tour, Audi-Nines, Natural Selection und viele mehr) die in der Freestyleszene große Anerkennung genießen. Hinzu kommen Videocontests (Spring Battle, X-Games Real Snow, etc.) und weitere Formate.
Bewertungskriterien (FIS, 2016)
Die einzelnen Runs werden subjektiv von Judges anhand folgender Bewertungskriterien bewertet:
Slopestyle:
Amplitude: Kicker & Rails
Schwierigkeit:
Anzahl an Rotationen
Switch Absprung oder Landung
Frontside oder Backside Rotation
Absprung von der Zehen- oder Fersenkante
Unterschiedliche Grabs, Boning und Tweaking
Blinde Landung
Kombination und Abfolge der Tricks
Unterschiedliche Rotationsachsen
Easy oder Hard Way auf oder vom Rail runter, Auswahl der Rails
Ausführung
Variation
Progression
Kombination.
Untersuchungen von Merz (2019a) zeigen, dass die Amplitude, Anzahl an Rotationen, Blinde Landung und Kombinationen einen statistischen Zusammenhang mit dem Score aufweisen.
Big Air:
Amplitude
Schwierigkeit:
Anzahl an Rotationen
Switch Absprung oder Landung
Frontside oder Backside Rotation
Absprung von der Zehen- oder Fersenkante
Unterschiedliche Grabs, Boning und Tweaking
Blinde Landung
Ausführung
Progression
Landung
Untersuchungen von Merz (2019a) zeigen, dass die Anzahl an Rotationen und switch Absprung einen statistischen Zusammenhang mit dem Score aufweisen.
Wettkampfkalender
Der Wettkampfkalender gibt den zeitlichen und geographischen Rahmen innerhalb der Wettkampfstruktur, von World Rookie Tour Stopp bis zu den OWG vor. Dieser wird für alle Wettkämpfe außer OWG jährlich im September erstellt. Der aktuelle Wettkampfkalender der FIS ist hier zu finden. Hinzu kommen die Termine der World Rookie Tour, Invitational Contest, Videocontests und weitere Formate.
Disziplinspezifische Anforderungen
Technik
Als apparatetechnische Sportart ist die sportliche Leistung von der Beherrschung der spezifischen Technik abhängig. Dies umfasst vor allem die Board- bzw. Kantenkontrolle (Turnbull, Keogh & Kilding, 2011). In den Freestyledisziplinen müssen die Fahrtechnik, sowie die Tricks auch switch beherrscht werden.
Kondition
Eine hohe exzentrische Kraft in den unteren Extremitäten ist für eine erfolgreiche Landung und somit auch zur Verletzungsprophylaxe notwendig (McNitt-Gray, Hester, Mathiyakom & Munkasy, 2001). In der Transition und beim Take-off wird eine posturale Kontrolle, isometrische und konzentrische Kraft der unteren Extremitäten gefordert (Turnbull et al., 2011; Dann & Kelly, 2021). Durch eine hohe Explosivkraft der unteren Extremitäten kann die Sprunghöhe vergrößert und die Flugzeit verlängert werden.
Eine Muskelsteifigkeit bei der Landung erfordert eine Aktivierung möglichst vieler Muskelfasern und motorischer Einheiten, was mit einer hohen Maximalkraft einhergeht (Turnbull et al., 2011). Zusätzlich sind elastische Gewebeeigenschaften in Hüft-, Knie- und Sprunggelenk (Muskel-Sehnen-Steifigkeit und intramuskuläre Koordination) wichtig (Dann & Kelly, 2021).
Neben den unteren Extremitäten ist eine hohe Kraft im Rumpf notwendig zur Impulsübertragung, um Rotationen einzuleiten, sowie zur Verletzungsprophylaxe bei verdrehter Landung (McNitt-Gray et al., 2001; Paasuke, Ereline & Gapeyeva, 2001). Eine Kraft in den oberen Extremitäten wird hauptsächlich benötigt um Stürze abzufangen (Turnbull et al., 2011).
Ein Slopestyle Run dauert je nach Kurs ca. 40 Sekunden (Merz, 2019b). Die Dauer eines Big Air Sprung ist ausdauertechnisch zu vernachlässigen. Bisher gibt es keine Evidenz, welche Energiebereitstellung zu einer verbesserten Snowboard Leistung führt (Dann & Kelly, 2021). Es gilt zu berücksichtigen, dass vermutlich nicht die Dauer eines Contestruns ausdauertechnisch limitierend ist, sondern das Realisieren von Trainingsumfängen von 3-5h in alpiner Umgebung (Kipp, 1998). Eine hohe Ermüdungsresistenz des Quadrizeps wird in der Literatur als wichtiger Faktor zur Bewältigung des Trainingsumfangs beschrieben (Falda-Buscaiot & Hintzy, 2015).
Koordination
Für eine hohe Punktzahl müssen Bewegungen flüssig und einfach aussehen (Turnbull et al., 2011).
Die hohe Beweglichkeit im Sprung-, Hüft- und Kniegelenk ermöglicht effektive Fahrtechniken. Eine hohe Beweglichkeit im gesamten Körper ist relevant, um Tricks, Grabs, Bones und Tweaks auszuführen (Turnbull et al., 2011). Eine hohe Beweglichkeit, speziell in der Lenden- und Brustwirbelsäule ist notwendig, um Rotationen während des Set-up Turns vorzubereiten (Turnbull et al., 2011). Hinzu kommt ein verletzungsprophylaktischer Vorteil durch eine grundsätzlich gut ausgeprägte Beweglichkeit (Bladin, McCrory & Pogorzelski, 2004).
Eine gute Propriozeption ist notwendig für die Boardkontrolle, die vor allem bei Landungen und für eine effektive Fahrtechnik benötigt wird. Hinzu kommt die Orientierung im Raum, die primär bei Rotationsbewegungen in der Luft notwendig ist (Turnbull et al., 2011).
Taktik
Im Slopestyle oder Big Air Contest zählt der beste Run oder der beste Trick pro Rotationsrichtung. Deshalb ist es notwendig mit der Trick Auswahl zu taktieren. Hierfür ist eine gute Selbsteinschätzung hilfreich. Die Individualtaktik ist abhängig von der Kursbeschaffenheit und den Obstacles sowie den individuellen technischen Fertigkeiten der Athleten*innen.
Psyche
Teil der Snowboardkultur ist es, dass Athlet*innen selbständig trainieren/lernen. Hierfür ist eine hohe Selbstreflektion, Selbstorganisation und ein hohes Maß an autonomer Motivation notwendig (Sommer, 2016).
Risikobereitschaft ist insbesondere beim Erlernen von neuen Tricks notwendig. Wettkämpfe und hohe technische Anforderungen sind emotional fordernd, sodass eine Periodisierung sinnvoll erscheint, um eine Überlastung zu vermeiden. Athlet*innen sollten unterstützt werden, ihre Selbstregulierung und mentale Stärke zu verbessern (Collins, Willmott & Collins, 2018).
Person
Literatur